GRENZENLOS

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Wo andernorts der Weinbau schon lange aufhört, beginnt er im Libanon auf durchschnittlich 1000 Höhenmetern. Von überall schaut man herab.

Ein fruchtbares Tal stürzt sich aus 1100 Metern als hügelige Fläche in die Tiefe, schwingt sich wieder auf. Wo es im Norden steil aufsteigt, skizziert ein gewaltiges Hochgebirge den fernen Horizont. An klaren Abenden versinkt die Sonne saumselig in ihrer eigenen Glut. Naji Boutros nimmt sich vor, seine grenzenlos schöne Heimat jeden Morgen auf anderer Strecke zu durchwandern. Jetzt, wo die Weinlese bevorsteht, nutzt er seine Spaziergänge, um die Reife der Beeren an seinen Rebstöcken zu kontrollieren. Nicht immer schafft er sein Pensum.

Boutros gehört gewiss zu den privilegierten Libanesen. Seine Familie ermöglichte es ihm, an Elite-Universitäten in den USA zu studieren. Heute ist Boutros Hauptgesellschafter einer weltweit agierenden Investmentfirma. Ende der neunziger Jahre verließ er die Diaspora in den USA und kehrte an seinen Geburtsort zurück. Ihm gehört viel Land in Bhamdoun. »Le Télégraphe de Belle-Vue« heißt sein Hotel mit Restaurant, dessen Weinkarte ausschließlich die Weine von Boutros‘ Weingut Château Belle-Vue führt. Er freut sich, wenn seine Gäste ihm bei seinen morgendlichen Walkings Gesellschaft leisten. Treffpunkt am Haupthaus, um halb acht.

In zaunlosen Gärten wachsen Tomaten und Kürbisse in ungeraden Reihen, während Zedern- Oliven- und Feigenbäume keine Zweifel an ihrem archaischen Ursprung lassen. Es ist ein ungezähmtes und unendlich großes Land, das man da zu durchschreiten glaubt. Am Morgen öffnen die Kapernsträucher für einen kurzen Moment ihre weiß-violetten Blüten.

Er freut sich, wenn seine Gäste ihm bei seinen morgendlichen Walkings Gesellschaft leisten. Treffpunkt am Haupthaus, um halb achtNaji Boutros

»Hier wachsen zig verschiedene Sorten Feigen und jede schmeckt anders«, sagt Boutros. Der wilde Thymian sei der pfeffrigste, den man je probiert habe, ist er überzeugt. Und vermutlich hat er recht. »Sehen Sie die Reste des schmalen Weges dort oben?«, fragt Boutros. Auf dieser Straße seien früher die Händler mit ihren Lastenesel durch das Land gezogen. Der Bürgerkrieg ließ Bhamdoun zerstört, das Land entvölkert zurück.

Boutros träumt von einem agrotouristischen Bioreservat, in dem er die uralte und reiche Kultur seines Landes wiederaufleben lässt. Auch die alten Handelswege. Einen Esel hat er schon. Dass auf den Hügeln von Bhamdoun heute wieder Wein wächst, ist sein Verdienst. Bevor der Bürgerkrieg über das Land fegte, war der Ort ein beliebtes Ferienziel – und berühmt für seine Weine. An diese üppige Vergangenheit möchte Boutros anknüpfen. Und er will dabei nicht allein sein.

2007 überließ Boutros Sarmad Salibi einige seiner Rebparzellen, der sein Weingut nach einer autochthonen Schwertlinienart benannt hat. Die Iris Domain ist nur ein Dorf von Bhamdoun entfernt. Sie besteht aus einem Steinhaus, einem Schuppen und einem verwilderten Garten, bei dem man nicht weiß, wo er aufhört und wo er anfängt. Terroristen könnten sich hier ebenso unbehelligt verstecken, wie dieser Ort alle romantischen Klischees eines naiven Autors für seine Arbeit an seinem ersten Roman bedient. Salibi ist ein hochaufgeschossener, sehniger Mann mit kahlgeschorenem Kopf und gütigem Gesicht.

Ihr gemeinsamer Nenner: kraftvolle Frische

Bevor der Bürgerkrieg über das Land fegte, war Bhamdoun ein beliebtes Ferienziel – und berühmt für seine Weine. An diese üppige Vergangenheit möchte Boutros anknüpfen. Und er will dabei nicht allein sein.

 

  • Sarmad Salibi

    Sarmad Salibi

  • Alte Reben Bhamdoun

    Alte Reben Bhamdoun

  • Château Belle-Vue

    Château Belle-Vue

  • Weinprobe Château Belle-Vue

    Weinprobe Château Belle-Vue

  • Mischkultur

    Mischkultur

  • Iris Domain

    Iris Domain

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Bis vor kurzem gab es nur einen Wein. Eine rote Cuvée aus Cabernet Franc, Cabernet Sauvignon, Merlot und Syrah. In manchen Jahrgängen spendiert ihm Salibi eine kleine Portion Petit Verdot. Heuer hat er ein weiteres Blending abgefüllt – ohne Merlot. Seine Fässer liegen in einem Weingut auf den Höhen der Bekaa-Ebene, rund eine dreiviertel Autostunde entfernt. Salibi liebt Wein. Wie er entsteht, lernt er gerade. »Autodidaktisch«, sagt er und karaffiert 2011er und 2012er gleichzeitig.

Nun sind libanesische Weine nicht für ihre Grandezza bekannt, das geben die Rebsorten in der Regel auch nicht her, doch besitzen sie neben ihrer Kraft in vielen Fällen eine Säure, die die Weine kühl durchdringen und in köstlicher Art und Weise süffig werden lassen. So ist das auch bei den Gewächsen der Iris Domain, deren gemeinsamer Nenner aus kraftvoll-würziger Frische besteht. Für die Zukunft kann sich Salibi eine Mischbewirtschaftung vorstellen, die hierzulande schon lange ausgedient hat: »Obst, Gemüse und Wein von einer Fläche, biodynamisch bewirtschaftet.«

Boutros‘ Restaurant wäre womöglich ein dankbarer Abnehmer. Seine Großeltern führten das kleine Hotel »Belle-Vue« auf den Hügeln von Bhamdoun. Gebaut aus den geschlagenen Steinen des schroffen Libanongebirges. Im Krieg wurde das Gebäude stark beschädigt. Dann kamen die Bewohner aus den zerstörten Nachbardörfern, um ihre eigenen Häuser wiederaufzubauen. Sie trugen »Belle-Vue« fast vollständig ab. Kalkstein für Kalkstein. Auf dem Erdboden gleich gemachten Ort pflanzte Boutros seinen ersten Wein. Das neue »Belle-Vue« liegt etwas bergabwärts. Es  entstand aus einer 100 Jahre alten Villa, die vor dem Krieg der irakischen und der jordanischen Botschaft als Sommerhaus diente. Ein Sanierungsfall.

Boutros ließ den gesamten Gebäudekomplex aufwändig restaurieren. 2009 war das »Le Telegraphe de Belle-Vue« bezugsbereit. Die Lobby ist ein Museum mit großformatigen Bildern zeitgenössischer libanesischer Kunst aus Boutros‘ privater Sammlung. Jedes Fenster der sieben Hotelzimmer macht den Blick auf eine Hügellandschaft mit unzähligen kleinen Rebflächen frei. Bourtos‘ Weinberge wirken so natürlich mit ihrer Umgebung verwachsen, dass sie unsereins schnell übersieht: zu wild, zu unerzogen, zu versteckt. Grenzenloser Libanon.

Nach Art eines Bordelaiser Châteaus werden zwei Rotweine erzeugt. Neben dem Flaggschiff »Le Château«, mit hohem Syrah-Cabernet-Anteil und ein wenig Merlot, gibt es einen Zweitwein namens »La Renaissance«, bei dem Merlot den Ton angibt. Wer einen weichen Wein erwartet, wird mit kernigen Gerbstoffen bestraft. Beim »Le Château« hilft Geduld. Nach 14 Jahren Reife zeigt sich der 2004er heute mit ätherischem Duktus und kühl grundierender Säure. Im Verkauf gibt es den Wein freilich schon lange nicht mehr. Während sich Salibi sein Weinwissen à la »Trial and Error« aneignet, kauft Boutros fehlendes Knowhow einfach dazu. Seine Önologin Diana Salamé studierte Weinbau an der Universität in Dijon und arbeitete einige Jahre für die Domaine Leflaive in Puligny-Montrachet.

2005 kehrte sie in den Libanon zurück. Boutros hat Salamé quasi vom Rollfeld des Flughafens wegengagiert. Ihre Erfahrung ist Boutros viel wert. Sie kümmert sich nach wie vor um seine Weine. Doch ihre Expertise ist mittlerweile im ganzen Land gefragt. Libanons Weinindustrie erfährt seit ein paar Jahren einen kräftigen Schub, während das geeignete Fachpersonal dafür fehlt. Wer ein Weingut gründen will, muss keine Ahnung von Wein, aber mindestens 500.000 bis eine Million Dollar auf dem Konto haben, um überhaupt loslegen zu können. Weingut, Hotel und Restaurant mögen Boutros‘ Visitenkarten sein. Die ganze Wahrheit aber ist, dass er solange in Bhamdoun investieren wird, bis die Stadt schöner als je zuvor erstrahlt.

Wenn die Gehwege nach Einbruch der Dunkelheit beleuchtet werden, tragen Bhamdouns neue Straßenlaternen ihren Anteil daran schon heute bei. Wer einmal seine ganze Kraft gegen eines dieser vermeintlich soliden Leuchtmittel geschleudert hat, wird ob ihrer weichen Resonanzkörper womöglich überrascht sein. Was wie Gusseisen aussieht, besteht aus Plastik. So ist Bahmdoun an manchen Stellen noch ein Potemkinsches Dorf. »Es ist ein Anfang«, sagt Boutros, »und am Ende sehen die Laternen ja auch täuschend echt aus.« Der Schein wiegt viel in diesem Land. Im wörtlichen und im übertragenen Sinn.

Die Recherchereise wurde von schöner saufen.com iniitiert und von Veranstaltern und Weingütern unterstützt.

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