In vergangenen Zeiten war ein bestimmter deutscher Wein mühelos ein- und zuzuordnen, weil sein unvergleichlicher Geschmack nur von einem einzigen Weinberg stammen konnte und in der ganzen Welt dafür hochgeschätzt wurde. Selbst wenn wir zu unseren Gunsten einmal annehmen, dass die Anzahl exquisiter Gewächse im Vergleich zur Qualitätsstufe Drei-Männer-Wein am Ende des 19. Jahhunderts verschwindend gering war, müssen wir uns doch eingestehen, dass der Herkunftsgeschmack im Wein damals eine glasklare Angelegenheit war. So sicher wie das Amen in der Kirche war es die eine bestimmte Lage, ob am Rhein, Main oder Mosel, die einen Wein einmalig und damit auch kostbar machte. Diskussionen über sein Für und Wider lagen jenseits jeglichen Vorstellungsvermögens. Dass die Lage die Güte eines Weins bestimmt, war kein hehres Ziel, sondern die nackte Wahrheit, wenn es Alternativen nämlich nicht gab. Die konkurrenzlose Stellung dieser Weine belegen Weinkarten aus dieser Zeit, einer Zeit, die nie mehr wiederkehren wird. Denn machen wir uns nichts vor: Der historische Ruf eines Weinbergs kann heute ebenso wenig eine Garantie für die Güte eines Weins sein wie ein namenloses, fruchtbares Feld ohne steile Aussicht, wenn Zeit die Menschen verändert hat und somit auch die Technik.

Der Klimawandel begünstigt ehemals als zu schattig eingestufte Weinlagen für elegante Weißweine und lässt gleichzeitig Rebsorten zu voller Reife gelangen, die man noch vor gar nicht langer Zeit niemals hierzulande verortet hätte. Ausschlaggebend für einen guten Wein ist nicht mehr allein der gute Name einer Lage, sondern sein Geschmack. Und der liegt nun einmal am Gaumen seines Zechers, dem es derzeit an Köstlichkeiten nicht mangeln dürfte. Exzellenter Wein aus Deutschland kann heute beinahe von überall herkommen. Welchen Anteil an so viel Gaumentaumel hat die Herkunft also tatsächlich noch? Dem Verband Deutscher Prädikatsweingüter (VDP) ist es seit jeher darum zu tun, die bestimmte Herkunft seiner Weine in den Vordergrund zu stellen. Enorme Anstrengungen wurden in den vergangenen Jahren unternommen, um die Einzigartigkeit eines jeden der 13 deutschen Anbaugebiete und deren Lagen in einer Philosophie zu bündeln: Große Weine entstehen in großen Lagen. Naturgemäß sind die Bedingungen dafür aber nicht überall gleich. Wenn sich tatsächliche Größen der Weinberge erheblich voneinander unterscheiden, lässt sich ein bestimmter Herkunftsgeschmack nicht überall gleich gut nachvollziehen.

Weil Wein-Deutschland dazu neigt, die Dinge gerne etwas komplizierter zu machen, als sie eigentlich sind, schieben die Katasterämter in manchen Gemeinden nun zuweilen Überstunden. Denn vielen Winzern ist die große Lage auf einmal nicht mehr gut genug, wenn sie neuerdings auch die klitzekleinste Herkunft als Parzellenname auf den Etiketten ihrer Weine verzeichnet wissen wollen. Im Amt heißt es dann: Register wälzen, neue Karten anfertigen. Das dauert, führt zu etlichen neuen Zusatzbezeichnungen und: Verwirrung. Andererseits stimmt es aber auch, dass mit der Einführung des Weingesetzes 1971 etliche exquisite Weinlagen durch maßlose Annexion von minderwertigen Flächen auf wirtschaftlich-profitable Größen aufgeblasen wurden, deren Weine sich bis heute mit fremden Federn schmücken dürfen. Ein Winzer, der sich heute im Besitz eines Filetstücks in einem bedeutenden Weinberg (aufgeplustert oder nicht) wähnt, erfährt womöglich eine gewisse Genugtuung, wenn auf dem Etikett neben dem etablierten Lagen-Namen nun auch der seines Gewanns auftaucht und den Wein erst so zur wahren Delikatesse erhebt. Da können in einem altehrwürdigen Weinberg dann schon mal einige Köstlichkeiten zusammenkommen und kaufen dem historischen Namen am Ende womöglich auch noch peu à peu den Rang ab.

Unwillkürlich fragt man sich auch, warum nicht gleich alle großen deutschen Lagen wieder auf ihre besten Parzellen gestutzt werden, wenn es doch auch um einen traditionsreichen Namen mit einigem Gewicht in der Weinwelt geht. Allein, lassen sich diese heute noch so eindeutig ausmachen? Wohin diese Diversifikation aus Gewannnamen letztendlich führen wird, bleibt für den Kenner spannend zu beobachten. Wegweisendes Licht im weitverzweigten Weintunnel ist für den gemeinen Zecher aber auch weiterhin nicht in Sicht. Immerhin: Die Chancen, einen exzellenten Wein aus deutschen Landen im Glas zu haben, werden von Jahr zu Jahr größer, und mit dieser erfreulichen Erkenntnis wächst womöglich auch die Motivation, sich mit seiner exakten Herkunft genauer auseinanderzusetzen. Der Weinberg trägt seinen Teil dazu bei, die Faszination eines Weins freilich ist weit mehr als die Summe seiner Teile.

Diese Geschichte wurde bei Grands Vins Mercure erstveröffentlicht

Titelbild: DWI

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