Von wegen flaches Weinland Rheinhessen. Tobias Knewitz bugsiert seinen gelben Mercedes-Transporter durch die schmalen Weinbergspfade der Lage Hundertgulden, wo die Steigungswinkel sportliche 20 bis 38 Prozent erreichen können. Hang- und Steillagen also. Der Regen in den letzten Tagen ließ den lehmigen Untergrund zu einer glitschigen Downhill-Strecke werden. „Eine Abkürzung“, sagt Knewitz und lenkt beherzt gegen. Beunruhigt scheint er nicht zu sein, dennoch entschuldigt er sich für die holprige Fahrt. Irgendwann hält er an, steigt aus dem Fahrzeug und sagt: „Mein Vater war früher ungeheuer stolz auf seine gepflegten Weinberge mit ihren akkuraten Herbizidstreifen.“ Knewitz zeigt auf eine Parzelle mit üppiger Begrünung, auf ein wildes, grünes Fest. Einen Wingert à la Wimbledon gibt’s hier nicht mehr. Out. „Ein Weinberg muss leben“, sagt er. Schließlich sei der Hundertgulden sein Erbe, und das möchte er lebendig weitergeben. Sein Vater entdeckte vor einiger Zeit, dass in ihm Wachteln brühten. Da war dann auch er vollkommen davon überzeugt, dass es richtig ist, was sein Sohn tut. Der ist gerade einmal 23 Jahre alt, spricht druckreife Sätze und ist von einer solchen Weinbegeisterung beseelt, die auch ebensolche Weine entstehen lassen. „Wir haben auch schon früher gute Weine gemacht“, sagt er, „aber das Herz hat gefehlt.“ Das soll gewiss kein Vorwurf gegen seinen Vater sein, ganz im Gegenteil. Knewitz weiß, dass sein Vater den Grundstein dafür gelegt hat, worauf er heute aufbauen kann. Vor allem aber weiß er, dass sein Vater ihm sein Vertrauen und allen Freiraum schenkte, das Weingut Knewitz zu einer Persönlichkeit werden zu lassen. Auch diesen Weg ebnete er schon, als er das Weingut Rheinblick 2004 in Weingut Knewitz umfirmierte – da drückte sein Sohnemann Tobias erst kurze Zeit die Schulbank. Erst viel später lernte der sein Winzerhandwerk bei so renommierten Weingütern wie Herbert Meßmer und Philipp Kuhn in der Pfalz. Zu einer Zeit als die Rieslinge aus dem Wonnegau sich schon fest in Deutschlands Spitze etabliert hatten. Morstein, Kirchspiel oder Hubacker waren längst gesetzte Größen, wenn es um die erste Liga der trockenen Rieslinge in Deutschland ging. Womöglich ist das Knewitz‘ Glück, denn solch delikates Erbe hat er nicht zu verwalten. Die ruhmreichen Tage von Knewitz‘ Premiumlage Hundertgulden waren schon lange in Vergessenheit geraten. Von seiner Güte aber war er überzeugt, nirgendwo sonst ist der Kalkanteil in Deutschlands Weinlagen höher. Er trank Weine von Coche-Dury und Leflaive. Und er entbrannte für Wein. Es ist ihm heute um Sorten zu tun, denen diese Böden am besten zupass kommen: Weißburgunder und Riesling traut er ihnen zu, die von seiner Hand begleitet zu außerordentlichen Delikatessen geraten. Sein Studium in Geisenheim, könnte man meinen, macht er dabei noch so nebenher. Nächstes Jahr steht der Abschluss bevor, der für ihn nur ein weiterer Schritt auf seinem Weg, dem Ziel aus Weinbegeisterung sein wird. Der junge Mann lebt Wein, liebt ihn und handelt hedonistisch.

Diese Geschichte wurde im falstaff Weinguide Deutschland 2015 erstveröffentlicht.

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